Re: Das 9te Gebot

Hubert Zerbe @, Samstag, 16.08.2008, 15:41 (vor 6476 Tagen) @ Arno Giesbrecht

Aus dem von der Roten Armee besetzten Teil Wolhyniens sind die Deutschen 1939 dem Aufruf „Heim ins Reich“ fast ausnahmslos gefolgt. Es war für sie eine Fügung Gottes. Ein Weg tat sich auf, der drohenden, unheilvollen Zukunft unter Stalins Diktatur zu entgehen. Voller Vertrauen fuhren sie mit nur wenigen Habseligkeiten ins deutsche Reich. Was sie dort aber erwartete, wussten sie nicht. Wochen und Monate lebten sie in Umsiedlerlagern. Die Unterbringung war notdürftig. Endlich begann dann die Ansiedlung. Der Warthegau wurde zu ihrer neuen Heimat erklärt. Sie bekamen Haus und Hof zugewiesen.
Was im Vorfeld zu dieser Ansiedlung an Aktionen (Enteignung, Vertreibung) gegen die ansässige Bevölkerung abgelaufen war, gehörte zum Plan der nationalsozialistischen Ansiedlungspolitik. Wolhyniendeutsche waren daran nicht beteiligt. Sie standen einfach vor vollendeten Tatsachen. Da war ein Hof, den sie zu übernehmen hatten. Ich kann mir denken, dass sie in diesem Moment sogar große Erleichterung verspürten, denn das Lagerleben hatte nun ein Ende und die bedrückende Sorge um ihre Zukunft war ihnen genommen, es gab wieder Arbeit und eine Perspektive. Ob ihnen aber auch gleichzeitig bewusst war, welch großes Leid und Unrecht den Besitzern ihres Hofes widerfahren ist, vermag ich nicht zu sagen.
Nun zum 9ten Gebot. Ich glaube nicht, dass man unseren wolhynischen Menschen wegen ihrer Ansiedlung eine Schuld am Verstoß gegen das 9te Gebot anlasten kann. Sie haben nicht des Nächsten Haus begehrt, nicht mit List oder einem Schein des Rechts danach getrachtet. Ihm dasselbe zu behalten förderlich und dienstlich zu sein, wäre auch in dieser Situation ein unmögliches Unterfangen gewesen.
Die Frage nach der Schuld unserer Landsleute stellt sich für mich jedoch an anderer Stelle. Wie haben sich die Wolhynier in der Folgezeit in ihrem neuen Umfeld gegenüber polnischen und jüdischen Menschen verhalten? Da soll es nicht immer im christlichen Sinne zugegangen sein.

Die Situation, über die wir hier diskutieren, dürfte vergleichbar sein mit der im Jahre 1945 und danach, als heimatlos gewordene Polen nach Pommern, West- und Ostpreußen usw. kamen und dort nun den Besitz der Deutschen, die geflohen und vertrieben waren, übernahmen. Von vielen dieser Menschen ist bekannt, dass sie lange Zeit ein ungutes Gefühl hatten, aber wohl mehr deshalb, weil sie fürchteten, dass die Deutschen vielleicht wieder zurückkommen könnten. Ich denke, auch all diesen polnischen Siedlern kann man keine Schuld am Vergehen gegen das 9te Gebot anlasten. Die wahren Schuldigen müssen wir woanders suchen.


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