Re: Archiv der Theologischen Hochschule in Friedensau
Quelle - Deutsche Zentralstelle für Genealogie in Leipzig
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Familie Rehbandt/Rehband/Reyband ist von Westpreußen aufgebrochen, 1869, lange also nach dem berühmten Manifest der Zarin Katharina II vom 22. Juli 1763, das deutsche Siedler nach Russland einlud. Die Familie war eine Nachzügler, die großen Einwanderungswellen waren vurüber, die Gruppe der Mennoniten, die Richtung Wolga zog, war eine der letzten. Die Familie war Mitglied einer zahlenmäßig unbedeutenden religiösen Minderheit: Nie mehr als 10 Prozent aller Russlanddeutschen waren Mennoniten, um 1900 etwa 120 000. Die "kleine Herde",wie sie sich in Anlehnung an die Schar der Nachfolger Jesu einst nannten, hatte den lutherischen, katholischen und den wenigen reformierten Kolonisten einiges vvoraus: Sie war landsmannschaftlich relativ homogen, gewohnt, in der Fremde zu leben. Ihre Gemeinden verstanden sich als abgeschlossene Gemeinschaften von Gläubigen im urchristlichen Sinne. Die Taufe empfingen sie als Erwachsene, sie lebten unter dem strengen Regiment der Kirchenältersten und hatten sich abseits zu halten von der Welt, durften keine Waffe führen, keinen Eid schwören, kein Staatsamt begehren.
Nach der Vertreibung aus der Schweiz und dem süddeutschen Raum waren die meisten "Täufer" in den Niederlanden ansässig. Während der Gegenreformation flohen sie vor den Scheiterhaufen der Inquisition, um 1530 tauchten die ersten in der Gegend von Danzig auf.Über hundert Jahre dauerte Zustrom dorthin-von Flandern, Friesland, dem Niederrhein ect. Den polnischen Königen waren die Mennoniten willkommen, viele waren Experten für Deichbau und Entwässerung, sie rangen den ewig überschwemmten Niederungen von Weichsel und Nogat fruchtbares Ackerland ab. Westeuropäische Geschichte-entschwunden hinter dem Eisernen Vorhang, im Orkus einer säkularisierten Welt.
Als im Zuge der Teilungen Polens des 18. Jahrhunderts das Gebiet an Preußen fiel und König Friedrich Willchelm II. wirtschaftlichen Druck auf die Wehrunwilligen ausübte, sannen diese auf Auswege. Zudem war das Land für die wachsende Zahl der Familien knapp geworden, und mit der Verarmung sank der kulturelle Standart. So folgten einige Tausend der Einladung von Zarin Katharina in den süden der Ukraine. 1789 gründeten sie die Kolonie Chortitza, während der napoleonischen Kriege zog ein weiterer Treck los und schuf die Kolonie Molotschna.
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Zu dieser Zeit grassierte unter den Mennoniten wieder das Auswanderungsfieber. Eine neue Auswanderung, diesmal an die Wolga, war schon im Schwange, ausgelöst durch ein neues preußisches Gesetz zur allgemeinen Wehrpflicht, 1847. Die Deputierten der Mennoniten, Claas Epp und Franz Rehbandt, waren aus St. Petersburg zurück, hatten dort mit de russischen Staatsrat von Köppen folgende Bedingungen ausgehandelt: 65 Desjatinen brauchbar Landes pro Familie, 6500 insgesamt für den Siedlungsplatz, zum geltenden Verkehrswert zu kaufen, steuerfrei auf zehn Jahre, dazu Befreiung vom Wehrdienst, Religionsfreiheit selbstverständlich un die Freiheit, die eigenen Belange in deutscher Sprache zu verwalten. 350 Taler hatte jede Familie, damit niemand dem Zaren zur Last falle, bei der russischen Mission in Berlin zu hinterlegen. Und, als wichtigste Bedingung: Sie sollten der russischen Landbevölkerung als Musterwirte dienen.
Die vertragschließenden Parteien waren die aufgeklärten Spitzen eines Staates, in dem noch Leibeigenschaft herrschte, persönlich damit beauftragt: ein Deutscher in russischen Diensten. Auf der anderen Seite eine bäuerliche Gemeinschaft, tiefreligiös, doch in weltlichen Dingen rational wie keine andere.
Im Herbst 1855 traf die Vorhut der Mennoniten ein. Weil durch das Siedlungsgebiet der Salztrakt lief, ein breiter Landweg, über den das Salz vom Eltonsee in Mittelasien nach Mitteleuropa transportiert wurde, nannten die Siedler ihre Kolonie "Am Trakt". Das erste Dorf war Hahnsau, das zweite Köppental, dann Lindenau, Fresenheim und Hohendorf; 1864 war, nach weiteren Landkäufen, als sechstes Dorf Lysanderhöh an der Reihe.
Die Dörfe haben mit dem extrem kontinentalen Klima, lang anhaltender Trockenheit und enormen Winden zu kämpfen, die den kastanienfarbenden Humus und die zarten Baumsetzlinge davontragen.
Politisch entwickelt sich die Lage seit Zar Alexander II ungünstig für die Siedler. Seit 1870 mehren sich, wie überall in Europa, nationalistische Tendenzen. Nach Aufhebung der Leibeigenschaft 1861 läuft langfristig alles auf einen Verlust der deutschen Privilegien hinaus. Mit Müh und Not können die Mennoniten 1875 die drohende Wehrpflicht abwehren und einen Ersatzdienst im Forstwesen durchsetzen.
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Das ganze Dorf Hahnsau,wo sich die Kolonie Molotschna befindet, wird an Fremde verkauft. Um 1900 sind die Dörfer-ohne Hahnsau-wohl über den Berg. Die Gemeinschaft investiert in ihre Dorfschulen, Alleebäume werden gepflanzt. Ursache des Erfolgs der Mennoniten ist unter anderem ihre starke, anhaltende Beziehung zu Westpreußen.
Es wäre sicherlich sehr interresant diese Dokumente in den Archiven zu finden ...
"Die Deputierten der Mennoniten, Claas Epp und Franz Rehbandt, waren aus St. Petersburg zurück, hatten dort mit de russischen Staatsrat von Köppen folgende Bedingungen ausgehandelt: 65 Desjatinen brauchbar Landes pro Familie, 6500 insgesamt für den Siedlungsplatz, zum geltenden Verkehrswert zu kaufen, steuerfrei auf zehn Jahre, dazu Befreiung vom Wehrdienst, Religionsfreiheit selbstverständlich un die Freiheit, die eigenen Belange in deutscher Sprache zu verwalten. 350 Taler hatte jede Familie, damit niemand dem Zaren zur Last falle, bei der russischen Mission in Berlin zu hinterlegen. Und, als wichtigste Bedingung: Sie sollten der russischen Landbevölkerung als Musterwirte dienen."
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- Archiv der Theologischen Hochschule in Friedensau -
Alexander Rehband,
28.06.2008, 22:57
- Re: Archiv der Theologischen Hochschule in Friedensau -
Gerhard König,
30.06.2008, 15:06
- Re: Archiv der Theologischen Hochschule in Friedensau -
Bärbel Voltermann,
01.07.2008, 10:40
- Re: Prediger Herr Schott - Gerhard König, 02.07.2008, 01:47
- Re: Archiv der Theologischen Hochschule in Friedensau -
Alexander Rehband,
01.07.2008, 23:15
- Re: Zeitschrift "Zions-Wächter" - Gerhard König, 02.07.2008, 02:11
- Re: Archiv der Theologischen Hochschule in Friedensau -
Alexander Rehband,
01.07.2008, 23:23
- Re: Deutsche Zentralstelle für Genealogie in Leipzig -
Gerhard König,
02.07.2008, 03:32
- Re: ADVETGEMEINDEN in Wolhynien - Alexander Rehband, 12.07.2008, 17:09
- Re: Deutsche Zentralstelle für Genealogie in Leipzig -
Gerhard König,
02.07.2008, 03:32
- Re: Archiv der Theologischen Hochschule in Friedensau -
Bärbel Voltermann,
01.07.2008, 10:40
- Re: Archiv der Theologischen Hochschule in Friedensau -
Gerhard König,
30.06.2008, 15:06
