Rückführung nach Wolhynien, Vorsitzender des Dorfrates, Umbenennung von Orten

Björn Bergmann, Donnerstag, 10.11.2005, 11:06 (vor 7452 Tagen)

Hallo,

ich habe einige Fragen, welche jedoch nicht in direktem Zusammenhang stehen. Dennoch möchte ich sie gerne in einem Beitrag stellen.

In Gesprächen mit ehemaligen Wolhyniern habe ich erfahren, dass nach deren Flucht nach Deutschland russische Behörden (NKWD?) versuchten, diese zur Rückkehr nach Wolhynien zu überreden oder gar zu zwingen. Dies soll selbst in westdeutschen, nicht von Russen besetzten Gebieten, stattgefunden haben. Gibt es hierüber weitere Informationen, Erfahrungen oder gar Aufzeichnungen?

Mein Vorfahre Julius Domanske (auch Domanzke, Domanskij o.ä.)
geb. 14.04.1894
getauft 02.05.1894
Heirat 19.10.1921 mit Leokadia Falkenberg
gestorben 14.12.1937 (Hinrichtung)
ist von ca. 1920 bis zu seiner Verschleppung und Hinrichtung 1937, Vorsitzender des Dorfrates (rus. Kopf der Gemeinde) in seinem Heimatort Sulshinowka / Luzi gewesen. Existieren über derartige ?Ämter? Aufzeichnungen?

Anscheinend wurden während der deutschen Besetzung von Wolhynien im 2. Weltkrieg viele Dörfer mit vornehmlich deutscher Bevölkerung umbenannt. So wurde z.B. dem Dorf Sulshinowka der deutsche Name Luzi gegeben. Gibt es hierüber Aufzeichnungen oder eine Eingrenzung, in welcher Zeit welche Dörfer einen ?eingedeutschten? Namen hatten (z.B. 1942-1944)? Wurde diese deutsche Bevölkerung damals in irgendeiner Art erfasst?

Für Hilfe und Antworten bezüglich meiner Fragen wäre ich überaus dankbar.
Mit freundlichen Grüßen

Björn Bergmann

Re: Rückführung nach Wolhynien, Vorsitzender des Dorfrates, Umbenennung von Orten

Hubert Zerbe, Donnerstag, 10.11.2005, 18:19 (vor 7452 Tagen) @ Björn Bergmann


Als Antwort auf: Rückführung nach Wolhynien, Vorsitzender des Dorfrates, Umbenennung von Orten von Björn Bergmann am 10. November 2005 11:06:29:


Herr Bergmann,
Leonhard Kremring ist ein solcher Betroffener. Er wurde 1945 aus der sowjetischen Besatzungszone in die UdSSR verschleppt. 1988 konnte er in die BRD ausreisen. Er hat das Buch geschrieben: "Verlorene Heimat Wolhynien". Es ist sein Erlebnisbericht. Sie können es beim Historischen Verein Wolhynien erwerben.
Mit freundlichen Grüßen
H.Zerbe

Re: Rückführung nach Wolhynien, Vorsitzender des Dorfrates, Umbenennung von Orte

Björn Bergmann, Freitag, 11.11.2005, 16:10 (vor 7451 Tagen) @ Hubert Zerbe


Als Antwort auf: Re: Rückführung nach Wolhynien, Vorsitzender des Dorfrates, Umbenennung von Orten von Hubert Zerbe am 10. November 2005 18:19:47:


Hallo Herr Zerbe,

genau solche Fälle habe ich gemeint. Zum Ende des Krieges und im Anschluss wurden einige Bewohner des Ursprungsdorfes meiner Familie wieder zurückgeführt. Dies geschah anscheinend selbst in westlichen Besatzungszonen. Wie in Ihrem geschilderten Fall konnten einige Ende der 80?er und Anfang der 90?er Ausreisen und sind nach Deutschland übergesiedelt.
Vermutlich wird es über derartige Fälle keine Aufzeichnungen aus damaliger Zeit geben. Dennoch ist die Möglichkeit sicher vielversprechend, derartige Zeitzeugen ausfindig zu machen und zu befragen.
Vielen Dank für Ihre schnelle Antwort.

Gruß Björn Bergmann

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Re: Rückführungen zu Stalins Zeiten

Gerhard König ⌂, Samstag, 12.11.2005, 11:07 (vor 7450 Tagen) @ Björn Bergmann


Als Antwort auf: Re: Rückführung nach Wolhynien, Vorsitzender des Dorfrates, Umbenennung von Orte von Björn Bergmann am 11. November 2005 16:10:54:

Zum Ende des Krieges und im Anschluss wurden einige Bewohner des
Ursprungsdorfes meiner Familie wieder zurückgeführt. Dies geschah
anscheinend selbst in westlichen Besatzungszonen.

Hallo Björn,

Du sprichst hier ein Thema an, daß zu den schlimmsten und grausamsten Kapiteln in der Nachkriegsgeschichte gehört. Einige der Leser in unserem Forum können sich noch an diese Zeit erinnern. Von den direkten Zeitzeugen haben die wenigsten überlebt.

Das bereits erwähnte Buch von KREMRING ist nur eine mögliche Publikation. Zum Beispiel bei Alfred CAMMANN, Don MILLER oder Lothar SELTMANN kannst Du weitere Familienschicksale nachlesen. (vgl. Bücherliste)

Eine andere Möglichkeit zum Weiterlesen wäre die englischsprachige Mailingliste GR-Heritage. Die Anmeldung ist beschrieben unter der Rubrik "Mailinglisten" auf unserer Seite Links & Adressen. Offensichtlich muß es eine offizielle Verordnung zur Rückführung der Zivilbevölkerung gegeben haben. Im August 1999 wurde u.a. in dieser Mailingliste dazu geschrieben. Die damals angegebenen Links funktionieren meist nicht mehr. Beispiel: Forgotten Volksdeutsche, geschrieben von Vera Beljakova-Miller.

Gerhard

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Umbennenung der Ortschaften etc.

Gerhard König ⌂, Samstag, 12.11.2005, 11:29 (vor 7450 Tagen) @ Björn Bergmann


Als Antwort auf: Re: Rückführung nach Wolhynien, Vorsitzender des Dorfrates, Umbenennung von Orte von Björn Bergmann am 11. November 2005 16:10:54:

Anscheinend wurden während der deutschen Besetzung von Wolhynien im
2. Weltkrieg viele Dörfer mit vornehmlich deutscher Bevölkerung umbenannt.

Ja, dies erfolgte in einer Vielzahl von Ortschaften und erschwert uns oftmals die heutige Suche. Viele dieser Ortsnamen aus der Zeit 1942-45 sind nicht identisch mit den ursprünglichen deutschen Ortsnamen aus der Zeit der Ortsgründungen.

Gibt es hierüber Aufzeichnungen oder eine Eingrenzung, in welcher Zeit
welche Dörfer einen "eingedeutschten" Namen hatten (z.B. 1942-1944)?
Wurde diese deutsche Bevölkerung damals in irgendeiner Art erfasst?

Unter den Stichworten "LEIBBRANDT" und "STUMPP" findest Du hier im Forum mehrere Beiträge zu diesem Thema. Über Fernleihe sind einzelne Dokumente von diesen zwei Autoren bzw. aus deren Sammlungen erhältlich. Bei einer späteren eigenen Verwendung der Inhalte ist es empfehlenswert, deren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Beim Lesen der sog. "LEIBBRANDT-Sammlung" habe ich teilweise mit den angegebenen Quellen verglichen und einzelne Differenzen feststellen können.

Gerhard

Re: Umbennenung der Ortschaften etc.

Andreas, Dienstag, 15.11.2005, 00:55 (vor 7447 Tagen) @ Gerhard König


Als Antwort auf: Umbennenung der Ortschaften etc. von Gerhard König am 12. November 2005 11:29:38:


Ich weiß zum Beispiel, dass Omelno durch die Sowjets zu Makarewitsch umbenannt wurde. Mein Opa lebte dort zu seiner Jugendzeit, bevor er zur Wehrmacht mußte. Habe dort auch noch Verwandte. Ob es vor der deutschen Besetzung einen anderen Namen hatte, entzieht sich meiner Kenntniss, kann aber nachhaken, wenn es interessant ist.

Gruß

Andreas

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Re: Ortsname Omelno

Gerhard König ⌂, Dienstag, 15.11.2005, 16:19 (vor 7447 Tagen) @ Andreas

Als Antwort auf: Re: Umbennenung der Ortschaften etc. von Andreas am 15. November 2005 00:55:50:

Omelno ... zu Makarewitsch umbenannt wurde. ... Ob es vor der
deutschen Besetzung einen anderen Namen hatte, entzieht sich meiner
Kenntniss ...

Hallo Andreas,

lt. Gedenkbuch des Gouvernements Wolhynien aus dem Jahr 1888 gab es ein Dorf Omelno im Kolkowskui Wolost mit 616 Einwohnern, 305 Werst bis Shitomir und 38 Werst bis Luzk.

Im gleichen Buch des Jahres 1906 werden 125 Höfe und 806 Einwohner genannt.

Gerhard

Re: Ortsname Omelno

Andreas, Dienstag, 15.11.2005, 20:10 (vor 7447 Tagen) @ Gerhard König


Als Antwort auf: Re: Ortsname Omelno von Gerhard König am 15. November 2005 16:19:36:


na denn,

dann hieß es erst Omelno, dann Makarewitsch, und jetzt heißt es wieder Omelno. So kann es gehen.

Andreas

Re: Rückführung nach Wolhynien, Vorsitzender des Dorfrates, Umbenennung von Orten

Manfred Klatt, Freitag, 11.11.2005, 21:16 (vor 7451 Tagen) @ Björn Bergmann


Als Antwort auf: Rückführung nach Wolhynien, Vorsitzender des Dorfrates, Umbenennung von Orten von Björn Bergmann am 10. November 2005 11:06:29:


In der Verwandtschaft meiner Familie gab es ebenfalls so einen beschriebenen Fall.
Nachdem eine Tante meines Vaters mit ihren beiden Kindern 1940 aus Konstantinowka (Kr. Shitomir) in das Warthegau umsiedelten und 1945 weiter nach Niedersachsen zogen, wurden sie ca. 6 Monate später von russischen Funktionären aufgesucht und überredet nach Konstantinowka zurück zu kehren - was sie auch taten.
Ihnen wurde erzählt, dass sie in ihrem "alten" Ort benötigt würden. Nach vielen Jahren kam ein Brief aus Sibirien, aus dem hervorging, dass sie es bitter bereuten, denn Konstantinowka haben sie nicht wiedergesehen.

Dieses sind mündl. Überlieferungen meiner Oma, die bereits verstorben ist.

Manfred Klatt

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Re: Vorsitzender des Dorfrates

Gerhard König ⌂, Samstag, 12.11.2005, 13:50 (vor 7450 Tagen) @ Björn Bergmann

Als Antwort auf: Rückführung nach Wolhynien, Vorsitzender des Dorfrates, Umbenennung von Orten von Björn Bergmann am 10. November 2005 11:06:29:

Vorsitzender des Dorfrates ... Existieren über derartige "Ämter"
Aufzeichnungen?

Hallo Björn,

Aufzeichnungen gab es bei der russischen Bürokratie bestimmt eine Vielzahl, jedoch ob sie erhalten geblieben sind und unter welcher Rubrik in einem Archiv zu finden, dies dürfte das weitaus größere Problem sein. Lerne schon mal ein Bissel das Russische. ;-)

Beispielsweise sind im PRAXENTHALER einige Dokumente aus dem Archiv in Shitomir aufgelistet. Der Autor schreibt zweisprachig - Russisch und Deutsch. Nicht alle Einträge sind vollständig ins Deutsche übersetzt. Diese Ausgabe kann beim Historischen Verein erworben werden. (siehe Publikationsliste)

Ebenfalls empfehlen kann ich Dir den 2. Band von BRANDES "Bibliographie zur Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen". Per Fernleihe über die eigene Bibliothek wäre der einfachste Weg. In den Registern dieses Bandes konnte ich zwar keinen Eintrag zu DOMANSKE oder Sulshinowka finden, aber vielleicht hast Du noch andere Stichworte, nach denen Du suchen kannst. (siehe Bücherliste)

Weitere Möglichkeiten bieten die verfilmten Archivführer aus den ukrainischen Archiven in Kiew und Shitomir. (siehe Wiki: Filme der Mormonen) Mit etwas Sprachkenntnissen lohnt sich bestimmt ein Reinlesen. Die Adressen zu beiden Archiven für spätere Anfragen findest Du in unserem Leitfaden.

Gerhard

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