Administrativ-/Vertragsumsiedler

Steffi Wolter, Donnerstag, 24.09.2009, 18:25 (vor 6037 Tagen)

Hallo,
mein Großvater stammt aus Romanowka (Lutsk) und ist 1940 mit seiner Familie umgesiedelt worden. Handelt es sich dann um eine Vertragsumsiedlung oder um eine Administrativumsiedlung? Das hängt ja letztendlich nur davon ab, ob Romanowka in West- oder Ostwolhynien liegt, aber ich muss ehrlich gestehen, dass mich die Karten ein bisschen verwirren... Eine weitere Frage ist, welche Staatsbürgerschaft die Bewohner von Romanowka vor ihrer Umsiedlung hatten.
Vielen Dank schon mal!
Steffi

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Re: Umsiedler

Gerhard König ⌂, Freitag, 25.09.2009, 01:40 (vor 6037 Tagen) @ Steffi Wolter

Hallo Steffi,

Dein Betreff habe ich mal abgekürzt, weil ich mit Deinen Bezeichnungen nicht viel anfangen kann.

mein Großvater stammt aus Romanowka (Lutsk) und ist 1940 mit seiner Familie umgesiedelt worden. Handelt es sich dann um eine Vertragsumsiedlung oder um eine Administrativumsiedlung?

In Folge der geheimen Zusatzprotokolle des Hitler-Stalin-Paktes im Jahr 1939 wurden die Machtgebiete beider Seiten definiert. Hitler zog mit seinen Truppen vom Westen bis zum Bug und die Rote Armee zog in das ehemalige polnische Gebiet vom Osten her bis zum Bug. Damit wurde Polnisch-Wolhynien von der Sowjetunion besetzt.

Lt. dem geschlossenen Pakt von 1939 wurden in allen von der Sowjetunion besetzten Gebieten Umsiedlungskommissionen gebildet. Zu diesen Kommissionen gehörten Personen aus dem Deutschen Reich und der Sowjetunion.

Somit wurde Dein Großvater mit seiner Familie lt. diesem Pakt umgesiedelt. DÖRING nennt in seiner Veröffentlichung für Luzk: Ortsbezirk Wo I/2, Abberufungsdatum 7.5.1940, Sammellager Oderberg, Bereitstellungslager Kirschberg, Ansiedlung im Reichsgau Wartheland: Kolo, Konin, Lask, Leslau, Nessau und Sieradsch.

Literatur: Stephan DÖRING "Die Umsiedlung der Wolhyniendeutschen in den Jahren 1939 bis 1940", Dissertation im Jahr 2000

Links: Deutsch-sowjetischer Nichtangriffspakt + Sowjetische Besetzung Ostpolens

welche Staatsbürgerschaft die Bewohner von Romanowka vor ihrer Umsiedlung hatten.

Der überwiegende Teil hatte lt. meiner Kenntnis die polnische Staatsbürgerschaft und sehr wenige besaßen noch die deutsche Staatsbürgerschaft. Eine genaue Auskunft kann nur ein Forscher geben, der Einblick in die verfilmten EWZ-Unterlagen für die Bewohner von Romanowka hat.

Ostwolhynien

... hatte eine ganz eigene Geschichte. Unter Stalin begannen die ersten Verhaftungen bereits zum Anfang der 1930er Jahre. Hier muß von einer Zwangsaussiedlung und Verbannung über einen Zeitraum von mehr als 10 Jahren gesprochen werden. Nur zwei Beispiele:

- Irenes Beitrag aus dem Jahr 2004 über ihre Eltern
- Wer Näheres zum Schicksal der Vertriebenen nach Karelien erfahren möchte, empfehle ich das Buch / den Film von Klaus Bednarz "Das Kreuz des Nordens - Reise durch Karelien".

gerhard

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Re: Administrativ-/Vertragsumsiedler

Gerhard König ⌂, Samstag, 26.09.2009, 19:09 (vor 6035 Tagen) @ Steffi Wolter

Hallo Steffi,

daheim diskutieren wir gerade über die verschiedensten Begriffe. Kannst Du mal bitte schreiben, woher die Begriffe Administrativ- und Vertragsumsiedler stammen und/oder wo Du diese gelesen hast?

gerhard

Re: Administrativ - Vertragsumsiedler

Wolfgang Köllner †, Sonntag, 27.09.2009, 11:43 (vor 6034 Tagen) @ Gerhard König

Hallo Gerhard,
in diesem Artikel::ok:
http://www.deutscheausrussland.de/gestern/heute.pdf

Hier insbesondere die Seite 22, in der von den Administrativ-
Umsiedlern die Rede ist.:yes:
Ansonsten ist der gesamte Beitrag lesenswert.
Gruß Wolfgang

Re: Administrativ-/Vertragsumsiedler

Steffi Wolter, Sonntag, 27.09.2009, 15:49 (vor 6034 Tagen) @ Gerhard König

Hallo Gerhard,
die Begriffe tauchen in der Literatur immer mal wieder auf, um genau die unterschiedlichen Sachverhalte zu beschreiben die du angesprochen hattest. Gerade in rechtlicher Hinsicht ist die Unterscheidung bedeutsam, siehe z.B. auch
http://www.deutsche-rentenversicherung-regional.de/Raa/Raa.do?f=SGB6_250ABS1NR2ANL1.1&a=true
Vielen Dank auf jeden Fall noch mal für deine Antwort.
Liebe Grüße,
Steffi

Re: Administrativ-/Vertragsumsiedler

Steffi Wolter, Sonntag, 27.09.2009, 15:55 (vor 6034 Tagen) @ Gerhard König

Oh, entschuldige, das, was du angesprochen hast ist hauptsächlich die Vertragsumsiedlung. Eine Administrativumsiedlung ist nach dem Beginn des Krieges mit der Sowjetunion mit denjenigen Deutschen vorgenommen worden, die in den nun von der Wehrmacht besetzten Gebieten der UdSSR lebten. Der Unterschied zur Vertragsumsiedlung ist also, dass keinerlei Einverständnis mit der UdSSR vorlag. Das ist wichtig für die Frage nach der Anerkennung der deutschen Staatsangehörigkeit nach Kriegsende.
Liebe Grüße,
Steffi

Re: Administrativ-/Vertragsumsiedler

Waldemar Wolff @, Montag, 28.09.2009, 18:36 (vor 6033 Tagen) @ Steffi Wolter

Hallo Steffi, Du hast recht.
Zwischen dem Dritten Reich und anderen Staaten Ost- und Ostmitteleuropa wurden die Bevölkerungsumsiedlungen in völkerrechtlichen Verträgen festgelegt. 1939 gab es Abkommen mit Estland, Lettland, Italien, Sowjetunion. Am 3.11.1939 wurde der Vertrag zur Umsiedlung der Volksdeutschen aus Wolhynien, Galizien und dem Narevgebiet unterzeichnet. 1940 folgten Übereinkommen zur Umsiedlung aus Bukowina, Bessarabien, Teilen Rumäniens. Nach der Annexion der baltischen Staaten regelte der Vertrag von 1941 die Aussiedlung der Deutschen aus Litauen und des Restes der Deutschen aus Lettland…
Alle diese Umsiedlungen waren „Vertragsumsiedlungen“.
Es gab aber Umsiedlungen die allein durch die Militär- und Zivilverwaltung des Dritten Reiches durchgeführt wurden ohne dass dazu Verträge mit einem anderen Staat abgeschlossen worden waren. Meistens sind das Umsiedlungen in annektierten und okkupierten Staaten. Z.B. 1941 Deutsche aus Kroatien, 1942 und 1943 Bulgariendeutschen, Bosniendeutschen, Serbiendeutschen und 1944 ein Teil der Russlanddeutschen (Schwarzmeerdeutsche und andere).
Diese letzteren Umsiedlungen bezeichnete man als „Administrativumsiedlungen“

Waldemar.

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