Deutsche Sprache in Wolhynien

Irene Günther @, Donnerstag, 25.02.2021, 13:07 (vor 488 Tagen)

Ich würde gerne erfahren,ob es typisch nur für die Deutschen aus Wolhynien war,Umlaute anders auszusprechen,beispielsweise statt "ü" ein "ie".Kam diese Mundart eventuell aus Schlesien oder wurde so auch in anderen Regionen Deutschlands gesprochen?..
Gab es deutsche Gymnasien in größeren Städten Wolhyniens,wo Hochdeutsch unterrichtet wurde?

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Deutsche Sprache in Wolhynien

Gerhard König ⌂, Donnerstag, 25.02.2021, 13:29 (vor 488 Tagen) @ Irene Günther

Hallo Irene,

Ich würde gerne erfahren, ob es typisch nur für die Deutschen aus Wolhynien war, Umlaute anders auszusprechen, beispielsweise statt "ü" ein "ie".

In der russischen Sprache gibt es keinen Buchstaben "ü" und wird/wurde häufig mit "i" oder selten mit "ie" geschrieben und auch so ausgesprochen. Mit einer Mundart hat dies wenig zu tun.

Gab es deutsche Gymnasien in größeren Städten Wolhyniens, wo Hochdeutsch unterrichtet wurde?

In den mir bisher bekannten Schul-Gedenkbüchern - d.h. bis zum Jahr 1917 - konnte ich im Gouvernement Wolhynien bisher kein deutsches Gymnasium finden.

gerhard

Deutsche Sprache in Wolhynien

Irene Günther @, Donnerstag, 25.02.2021, 23:54 (vor 488 Tagen) @ Gerhard König

Dankeschön!Schade,dass es keine deutschen Gymnasien in Wolhynien gab...
Meine Großmutter musste erst nach der Deportation in Sibirien Russisch lernen.In Wolhynien wurde in den Familien eigentlich nur Deutsch gesprochen.
Ich dachte,dass es in Wolhynien einen typischen Dialekt gab.
Der Ausdruck "a bissl",den ich unter anderem sehr oft gehört habe,könnte vielleicht aus Schlesien kommen.

Deutsche Sprache in Wolhynien

Mechthild Walsdorf ⌂ @, Freitag, 26.02.2021, 10:12 (vor 488 Tagen) @ Irene Günther

Hallo Irene,

in der Reihe „Wolhynische Hefte“ sind einige Beiträge zur Frage von Mundarten in Wolhynien zu finden, erhältlich bei der Versandstelle „Historischer Verein Wolhynien e.V.

JAHNS Arnold, Aus dem Wortschatz der Wolhyniendeutschen
Wolhynische Hefte, Folge 3, S. 153-173

MÜLLER Albert, Muttersprache, Mutterlaut oder der Gebrauch fremder Wörter in Wolhynien
Wolhynische Hefte, Folge 10, S. 32 – 33

LÜCK Kurt, Die hochdeutsche Sprache in Polnisch-Wolhynien.
Aus: Deutsche Post aus dem Osten, 1929
Wolhynische Hefte Folge 12, S. 101-105

ARNDT Nikolaus, Die Sprachgruppen der Wolhyniendeutschen
Wolhynische Hefte Folge 12, S. 106

vgl. auch: https://myvolyn.hpage.com/wolhynien-spezial/sprache-dialekt.html

Mechthild

Deutsche Sprache in Wolhynien

Irene Günther @, Freitag, 26.02.2021, 18:01 (vor 487 Tagen) @ Mechthild Walsdorf

Vielen Dank,liebe Mechthild!
Das ist höchst interessant!
Ich würde die von Dir genannten Bücher bzw. die "Wolhynischen Hefte" zum späteren Zeitpunkt auf jeden Fall sehr gerne lesen.
Liebe Grüße,
Irene

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Deutsche Sprache in Wolhynien

Irene König ⌂, Samstag, 27.02.2021, 12:14 (vor 486 Tagen) @ Irene Günther

Meine Großmutter musste erst nach der Deportation in Sibirien Russisch lernen. In Wolhynien wurde in den Familien eigentlich nur Deutsch gesprochen.

Hallo Irene,

dann ist deine Großmutter in Wolhynien nicht zur Schule gegangen? In der Schule wurde Russisch unterrichtet, soweit ich weiß. Aber auch sonst werden die meisten Wolhyniendeutschen aus Ostwolhynien zumindest etwas Russisch gesprochen haben, lebten sie doch in Russland ;-) in mehr oder minder gemischten Dörfern. Sie kauften oder pachteten Land, trieben Handel, gingen zum Doktor usw., da waren Sprachkenntnisse unerläßlich, zumindest bei den Männern.

Von den Deutschen aus Wolhynien kamen nur sehr wenige direkt aus "Deutschland". Die meisten kamen aus Kongresspolen, wo sie schon jahrzentelang siedelten. Diese fremdsprachige Umgebung hatte Einfluß auf ihre Sprache, Verbindungen durch Heirat mit Familien anderer Herkunft taten ihr übriges. Deshalb ist es kaum möglich, von einzelnen Ausdrücken, die in der Familie benutzt wurden, auf die Herkunft zu schließen (z.B. Schlesien), denn sie könnten durch andere Einflüsse übernommen worden sein. Wir sprechen hier ja über den Zeitraum von 100-150 Jahren, wenn es um die Sprache deiner Großmutter geht.

Gruß, Irene

Deutsche Sprache in Wolhynien

Irene Günther @, Samstag, 27.02.2021, 18:02 (vor 486 Tagen) @ Irene König

Vielen Dank für Deine Antwort,liebe Irene!
Russisch wurde wirklich ab der 1.Klasse in Wolhynien unterrichtet,nicht ab der 5.? Wahrscheinlich dann einmal in der Woche,während andere Fächer in Deutsch erteilt wurden.Es ist dann auch verständlich,weil Russisch ja die Staatssprache war.
Da der Vater meiner Großmutter starb,als sie 7 Jahre alt war,konnte sie die weiterführende Schule,die sich im anderen Ort ziemlich weit entfernt befand,nicht besuchen,nur die Grundschule hat sie beendet.Jedenfalls hat sie später gerne russische Diktate unter meiner Leitung geschrieben,und ich habe sie mit großem Vergnügen korrigiert.:)Russisch sprach sie mit einem starken deutschen Akzent,hat aber grundsätzlich viel lieber Deutsch gesprochen.

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Deutsche Sprache in Wolhynien

Gerhard König ⌂, Samstag, 27.02.2021, 19:08 (vor 486 Tagen) @ Irene Günther

Hallo Irene,

Russisch wurde wirklich ab der 1. Klasse in Wolhynien unterrichtet, nicht ab der 5.?

Ja, zur Zarenzeit bis 1917 und auch später in Ost-Wolhynien wurden alle Fächer in Russisch unterrichtet. Der Religionsunterricht war maximal in Deutsch. In der Sowjetunion wurde dieses Fach abgeschafft.

In der DDR und den östlichen Nachbarländern gehörte Russisch ab der 5. Klasse zu den Standard-Schulfächern. Da liegt sehr wahrscheinlich eine Verwechslung vor.

gerhard

Deutsche Sprache in Wolhynien

Irene Günther @, Sonntag, 28.02.2021, 11:04 (vor 485 Tagen) @ Gerhard König

Herzlichen Dank für Ihre Nachricht!
Da mein Großvater väterlicherseits,dessen Eltern in Bangert an der Wolga geboren wurden,in Tiflis ein deutsches Gymnasium,wo alle Fächer außer Fremdsprachen in Deutsch unterrichtet wurden,ausgezeichnet beendet hat,dachte ich,dass es in deutschen Kolonien an der Wolga,Südrussland und Wolhynien auch deutsche Schulen gab.Das war aber wohl eine Ausnahme.Umso mehr erscheint es mir als Wunder,dass Deutsch über so viele Generationen so gut erhalten werden konnte.Nach dem 2.Weltkrieg wurden leider deutsche Schulen,Kindergärten und Kirchen zerstört.

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Gymnasium in Tiflis

Irene König ⌂, Sonntag, 28.02.2021, 11:58 (vor 485 Tagen) @ Irene Günther

Interessant. War es dieses Gymnasium in Tiflis? Es bestand nur zwischen 1918 und 1925.
http://german-georgian.archive.ge/de/blog/62

Gymnasium in Tiflis

Irene Günther @, Sonntag, 28.02.2021, 15:36 (vor 485 Tagen) @ Irene König

Liebe Irene,
es muss eine andere Schule gewesen sein.Da einige Lehrbücher in deutscher Sprache von meinem Großvater noch in unserem Besitz sind,konnte ich herausfinden,dass es sich um eine deutsche Mittelschule Nr.107 handelte,die mein Großvater 1938 beendet hat.Der Vater von Nora Pfeffer war der Leiter dieser Schule,die auch Rudolf Kehrer,der berühmte Pianist,besucht hat.

Deutsche Sprache in Wolhynien

Helen E Gillespie @, Ottawa, Kanada, Donnerstag, 04.03.2021, 17:24 (vor 481 Tagen) @ Irene Günther

Meine Grosseltern u. Eltern sind in Wolhynien geboren. Opa (geb. 1893) sprach Hochdeutsch. Sein Vater (1832-1903) sollte aus Brandenburg gekommen sein. Opa war in die Marine in 1WK u. lernte Russisch da. Omas Familie sprachen Platt zuhause aber nur mit ihre Geschwister. Mit ihre Kinder Hochdeutsch. Sie wohnten in West-Wolhynien bei Rowno. Da war nur die Volkschule im Dorf (Solomka) u. nach den 1WK war Unterricht in Polnisch.
Väterlicherseits kamen aus Grosspolen ca 1870 u. sprachen auch Hochdeutsch.

Meine Tante die in Deutschland lebt hat mir einmal gesagt das ich Deutsch spreche wie meine Mutter - lol - Hochdeutsch aber nicht wie in Deutschland.
Die Vermischung verschiedener Dialekte und die Übernahme von neuem Vokabular verändert die Sprachen.

VG
Helen

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